"Leben frisst rohes Fleisch" von Franz Morak (2018)


Der schneeweiße New-Wave-Schizo-Punker Franz Morak war in den 1980er-Jahren ein Ausnahmerocker, der in seinen hastig erzählten Kurzgeschichten sehr böse, sehr zynisch und sehr klug über Weltschmerz, Pädophilie, Kirche, morbide Sehnsüchte und so vieles mehr sinnierte. Der gesichtszerklüftete Typ aus Österreich war im Brotberuf Burgschauspieler und liebte es, mit seinen angriffslustig agierenden Musikern die toten Winkel zwischen Wahn und Wirklichkeit zu erkunden und sichtbar zu machen. Vier Platten lang ging das sehr gut („Morak“, 1980, „Morak’n Roll“, 1981, „Sieger sehen anders aus“, 1983 und „Herzstillstand“, 1993), dann war Schluß mit der verstörenden Lustigkeit. Die Neue Deutsche Welle spülte seinerzeit zwar auch Falco, die Erste Allgemeine Verunsicherung oder die unsägliche Opus-Truppe („Live Is Life“) nach Deutschland, aber Franz Morak blieb in unserem Land leider stets ein Geheim-Tipp.

Nach jahrzehntelanger Sendepause legt der Mann nun nach, der zwischenzeitlich als Politiker und als Kulturstaatssekretär in der Alpenrepublik aktiv war, und veröffentlicht mit „Leben frisst rohes Fleisch“ keineswegs ein betuliches Alterswerk. Seinen Zorn über die aktuellen universellen Tollheiten artikuliert er so sinnlich-durchtrieben wie einst im Mai und offeriert uns mit den vierzehn Songs der LP sein ganz persönliches Tagebuch über den Ist-Zustand unseres Daseins. Mit dem Lieben Gott geht’s los, der nicht nur die Welt erschuf, sondern auch das Maß aller Dinge: „Er schuf den Dollar und das Pfund, die Lira und den Schekel, den Yuan und den Yen, die Krone und den Euro, den Rubel und den Rand, den Denge und den Dong, den Dinar und den Peso  - und viele, viele Krokodile.“

Gier und Geiz, Überfluß und Überflüssiges, Macht und Ohnmacht, Mut und Armut - das sind Moraks Themen, die er uns mal in ruppig, mal in abgeklärt, mal in sperrig getexteten Sprachbildern präsentiert. Und so erhalten wir tiefgründige Einblicke in die wunderbare Welt der IT-Boys & Girls oder des Fairtrade-Irrsinns, erleben eine globale Rattenplage, schauen zu beim „Tanz auf dem Vulkan“ oder lernen „Dandies der Niedertracht“ kennen. Es rockt, es rollt, es fließt, es swingt - die musikalische Ausmalung verzichtet dabei auf jegliches gefälliges Dekor und schmuckvolle Verzierung, bleibt stets hart am Text und dienlich auf dem Punkt und sorgt eher mit grundständigen bluesigen und balladesk gestalteten Farbtupfern (und hin und wieder auch mit Hilfe eines Kinderchores) für zusätzliche Aufmerksamkeit.

Ein Album für sinnesfrohe Warmduscher ist Moraks neuestes Werk sicherlich nicht. Geht auch gar nicht, wenn der Urheber die 70 bereits überschritten hat, sich über Einst und Jetzt Gedanken macht und sich mit chirurgischem Blick in die Zeitläufte einklinkt, um die mannigfaltigen lebensbedrohlichen Narreteien akribisch zu untersuchen. Da kann es dann schon mal vorkommen, dass bei diesem Seziervorgang die optimistische Sicht auf die Dinge auf der Strecke bleibt, weil die wenigen Hoffnungsschimmer eben nur noch auf Sparflamme glühen. Das kann man bedauern, aber so ist es nunmal.

Die Veröffentlichung gibt’s als LP und CD (Cover-Artwork: Gottfried Helnwein, Kompositionen/Arrangements: Christian Kolonovits). Das Album ist auch Teil der CD-Box „morak/alles“, das sein musikalisches Gesamtwerk umfasst, inklusive seiner frühen Punk-Nummern. Dazu gibt es eine DVD mit seiner legendären Lesung der „Walpurgisnacht“ sowie ein umfangreiches Booklet samt Fotos, Text­-Passagen und Kommentaren über den Künstler.

Weitere Infos: www.franzmorak.at

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